HAMBURG - Die nüchternen Fakten: Länge 262,5 m, Breite 32,2 m, Tiefgang 8,5 m, 76.998 BRT, 21,5 Knoten - ca. 40 km/h, 964 Kabinen. Dahinter verbirgt sich "Mein Schiff", der Vier-Sterne Premierendampfer der neuen TUI Cruises. TUI Cruises ist ein Gemeinschaftsunternehmen der TUI AG und der Royal Caribbean Cruises. Die Jungfernfahrt des Vier-Sterne-Schiffs liegt nun schon einige Wochen zurück, aber der Reiz einer Fahrt ins Baltikum mit seinen schönen Städten wird wohl nie vergehen.
So geschehen auf der dritten Tour, Mitte August 2009, einem der wärmsten Monate in dieser Gegend. Die Spannung war natürlich groß, würde die "Mein Schiff " unsere Erwartungen erfüllen?
1996 in der renommierten Meyer-Werft in Papenburg fertiggestellt, wurde das damals größte Schiff aus einer deutschen Werft in 2009 innerhalb von nur 38 Tagen in der Lloyd Werft in Bremerhaven umgebaut und modernisiert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Nicht nur von außen ist es ein schönes Schiff, auch seine inneren Qualitäten sind beachtlich!
Ein ruhiges und komfortables SchiffAm meisten gefiel die hervorragende Gastronomie, die z.B. im Haupt-Restaurant Atlantik durchaus sterneverdächtig ist. Auch im Vergleich mit anderen Schiffen war die Verpflegung hervorragend! Aber dies ist nur eine Randbemerkung, wesentlich für die meisten Passagiere dürfte die Tatsache sein, dass es sich um ein besonders ruhiges Schiff handelt.
Von allen bisher erlebten Kreuzfahrten war dies die ruhigste! Mag sein, dass dies der ohnehin sanften Ostsee zu verdanken ist, aber auch absolut gesehen sind die schiffseigenen Bewegungen und Geräusche des Antriebs nur minimal spürbar.
Nur gelegentlich geht ein Zittern durchs Schiff, wenn die Bug- und/oder Heckstrahlruder beim Manövrieren in Betrieb sind. Guter Schlaf ist schließlich eine wichtige Voraussetzung für das Wohlfühlen an Bord, das aber auch mit vielerlei weiteren Komfort-Einrichtungen gefördert wird.
Bemerkenswert ist der Spa- und Wellnessbereich mit einer riesigen Saunalandschaft inklusive Meerblick und allen nur denkbaren weiteren Möglichkeiten zur körperlichen und geistigen Gesunderhaltung (und -werdung). Selbst wenn das Schiff länger auf See bliebe und eine Woche lang keinen Hafen anliefe, würde es angesichts der vielfältigen Beschäftigungsmöglichkeiten bestimmt niemandem langweilig werden.
Zum Entertainment gehört ein Golfsimulator mit Golflehrer, Abschlagboxen und Putting Green. Interessierte können sich zur Herstellung von Schmuckstücken anleiten lassen und in diversen Kursen lernt man den perfekten Umgang mit dem Computer. Die Abendshows sind frisch und innovativ, aber nicht immer klamaukfrei.
Die Standart-Kabinen sind mit 17 qm nicht allzu groß, haben aber durch den Anbau von ausreichend großen Außenbalkonen sehr gewonnen. Die Einrichtung erscheint zweckmäßig und behaglich. Die kostenlose Bereitstellung von Nespresso-Bereitern mit einer täglichen Gratisration ist nicht nur ein gelungener Werbegag für die Herstellerfirma, sondern sicher für viele eine willkommene Zugabe.
All-inclusive - Eine willkommene AusnahmeWie reagiert eine Reederei auf vorübergehende Krisenzeiten? Den beiden Möglichkeiten wurde die kostenlose Abgabe von Getränken und die fast freie Wahl der verschiedenen Restaurants gegenüber einer möglichen Reduktion der Passagekosten vorgezogen.
TUI Cruises "Mein Schiff" , © Prof. Dr. Claus Schwarze, Köln Das bringt anfangs natürlich gewisse Irritationen beim überwiegend freundlichen und deutschsprechenden Personal mit sich. Denn plötzlich war die Nachfrage nach den sonst aufpreispflichtigen Leistungen gewaltig und anfangs kaum zu bewältigen. Aber wie immer bei solchen vorteilhaften Angeboten tritt dann allmählich doch eine gewisse "Sättigung" ein und die Versorgungslage wird entspannter. Die Qualität des Gebotenen hat jedenfalls nicht gelitten!
Nicht kostenfrei ist die Benutzung des Internet an Bord. Lag es nun am Alter der Passagiere, der Trägheit des Verbindungsaufbaus oder an den Nutzungsgebühren, die vielfach bereitstehenden Rechnerplätze blieben relativ leer. Hingegen hatte sich der für die hochwertigeren Kabinen kostenlos zur Verfügung stehende Internetakzess und sein Login-Code besonders bei den Jugendlichen schnell herumgesprochen und wurde mit den eigenen Notebooks ausgiebig genutzt.
Der Landgang, besonderer Reiz für die KreuzfahrerSechs nordische Großstädte und die schöne Insel Bornholm waren zu erleben. Dafür standen jeweils Shuttle-Busse oder Tenderboote für den Inselbesuch zur Verfügung. Stadthafen-Liegeplätze sind angesichts der gestiegenen Zahl der Kreuzfahrtschiffe nur in begrenztem Unfang verfügbar. Die Reedereien bekommen siewohl nur nach frühzeitiger Anmeldung, sprich Monate und Jahre im Voraus oder eben nicht.
Der Lektor, Hartmut Wilcken, bereitete seine Zuhörer jeweils am Vorabend in einer mitreißenden Vorausschau auf die nächste anzulaufende Stadt vor. Gut organisiert und vielfältig war die Auswahl für die geführten Gruppen der Busausflügler, Kutschenfahrer und Biker. Zumeist qualifizierte Guides gaben ihr Bestes, die Besonderheiten der Ausflugsziele zu beschreiben und die Teilnehmer über manche hafennahe Unschönheiten hinwegsehen zu lassen.
Eine Fähigkeit, die besonders in den eher tristen Außenbezirken von St. Petersburg zum Tragen kam. Die übrigen Städte verströmten ihren besonderen Charme ohne große Hilfe. Wie schön es sein kann, eine Stadt auf eigene Faust auf sich einwirken zu lassen, wird nicht vielen vergönnt gewesen sein, bei den verlockenden Tourenangeboten.
Das Rennen der GigantenDas Ostsee-Revier ist zweifellos eines der beliebtesten überhaupt und so nimmt es nicht Wunder, dass sich im Sommer dort inzwischen bis zu zehn größere Kreuzfahrer tummeln. Frühmorgens geht es oft schon im Konvoi in die teilweise sehr romantischen Einfahrten. Abends wiederholt sich das Spiel, mehrere weiße "Pötte" treten ihre Weiterreise an.
Dass es dabei manchmal zu einem regelrechten Gerangel kommt wundert deshalb nicht. Aber was soll`s, die Passagiere wollen ja etwas erleben und der erhebende Anblick einer Reihe schöner weißer Schiffe gehört zu den eindrucksvollsten Erinnerungen auch als Foto- bzw. Filmmotiv.
Apropos Schiffsbemalung, die "Mein Schiff" macht da eine Ausnahme. Sie ist untenherum nämlich schön blau und mit Begriffen aus der Traumwelt beklebt, wie Sonnenaufgang, Abendstille, Wohlfühlen, Sternenhimmel, Meeresrauschen, Ruhe und Mitternachtssonne. Dass der etwas gewöhnungsbedürftige Schiffsname gleich mehrmals auftaucht, wird sicher seine Gründe haben und seine Wirkung nicht verfehlen.
Ausstattung und Farbe macht SchiffeDie Designer haben ihre Spuren hinterlassen, Ihnen ist hier ein echter Hingucker gelungen! Man kann das Schiff jedenfalls nicht übersehen und einmal geweckte Neugierde ist schließlich kein schlechter Anreiz für eine Probefahrt. Das Gesamtkonzept ist jedenfalls so stimmig, dass das erklärte Ziel, mit der "Mein Schiff" tatsächlich einen neuen Status zwischen Luxuslinern und den herkömmlichen Kreuzfahrttransportern zu etablieren, als gelungen bezeichnet werden darf.
Und getreu der himmlischen Verheißung im Faust, zweiter Teil: ..wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.., wird das Schiff seinen Weg in die Zukunft auch in nicht so rosigen Zeiten machen. Unsere Erwartungen wurden jedenfalls voll erfüllt und so denke ich, wird das Echo allgemein ausgefallen sein. Wenn die gebotene Qualität sich erst einmal herumgesprochen hat und gehalten werden kann, wird der neue Kreuzer noch viele begeisterte Anhänger finden, des bin ich gewiss.
© Prof. Dr. Claus Schwarze, Köln | Abb.: Prof. Dr. Claus Schwarze | 12.02.2010 16:20
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